Oswords Roter Teppich

Schon als Kind war Schreiben eine Methode für mich, zu verarbeiten was ich erlebte. Ich begann mit 7 oder 8 Jahren damit und entdeckte bald meine Liebe zu Worten, Wortbildern und Wortspielen. Ich glaube es war so, dass ich durch das Aufschreiben den Geschehnissen einen Sinn gab. Ich ging durch eine Kindheit voller Einsamkeit und Sorgen, die ein Kind sich nicht machen sollte, aber ich machte ein Gedicht daraus, das mir gefiel. Meine eigenen Worte berührten mich immer wieder selbst, noch Jahre später waren sie eine Brücke hin zu den Trümmerfeldern in mir, die ich sonst vielleicht nie mehr betreten hätte.

Das ist nichts Besonderes! Viele Menschen machen so etwas. Viele Menschen verarbeiten die Geschichten ihres Lebens in Kunst. Sie malen, zeichnen, schreiben Gedichte, Geschichten und ganze Bücher, nähen, basteln, stricken, töpfern, schnitzen, bildhauern, montieren Teile zu seltsamen Gebilden, singen eigene Texte, backen schräge Torten oder besprühen Eisenbahnwagons.

Ich habe eine Vision! Mein roter Teppich ist eine Plattform für alle die, die gerne zeigen möchten, was sie tun. Für alle, die sich nicht so ganz trauen. Für alle, die innerlich verbluten und platzen vor lauter Kreativität. Für alle,  die so sind wie ich.

In meiner Rubrik ROTER TEPPICH gebe ich dir Raum für deine Kunst, was auch immer es sein mag. Es ist deine Bühne.

Zeig dich!


Gabriel Millinger / Leipzig

3 Minuten im Wald

 

Es ist nach 22 Uhr, meine Gedanken drehen sich im Kreis, ich weiß nicht, wo oben und unten ist. Ich reime mir Dinge zusammen und weiß nichts mehr, bin voller Angst und etwas Traurigkeit. Weiß nicht was passiert.

Was meine genaue Situation ist, ist nicht wichtig, nur, dass ich in meinem Gedankenkarussell feststecke. Ich rufe eine Freundin an, erkläre meine Situation und bitte um Möglichkeiten. Sie gibt mir 3, doch schon nach der ersten weiß ich, dass das diejenige ist, die ich machen werde.

 

„Nimm eine Taschenlampe und geh in den Wald. So weit, bis es wirklich dunkel ist und du nichts um dich herum siehst. Mach dann die Taschenlampe für 3 Minuten aus und achte auf die Gefühle, die kommen. Wenn du zurück bist, schreib auf, was in den 3 Minuten passiert ist.“

 

Dann los. Ich habe Angst. Ich fürchte mich im Dunkeln, erst recht alleine und noch mehr im Wald. Und die Entscheidung ist bereits gefallen. Ich suche meine Taschenlampe und packe 2 Flaschen Wasser ein. Ich habe nicht viel getrunken heute und weiß nicht, wie lange ich weg bleibe. Ich ziehe mich warm an, es ist sau kalt draußen. Als ich um die Straßenecke zum nächsten Leihfahrrad gehe, sehe ich 4 Mannschaftsbusse Polizei vorbeifahren. Es scheint, als wäre die Demo heute noch nicht vorbei. Ich höre den Helikopter, der schon den ganzen Tag in der Luft ist. Ich steige auf das Fahrrad und fahre los. Völlig surreal kommt es mir vor, jetzt um kurz nach 22 Uhr durch die Stadt Richtung Wald zu radeln. Ich habe Angst und gleichzeitig kann ich nicht mehr zurück, die innere Entscheidung ist getroffen. Ich deklariere, dass mir nichts passieren wird.

Nach der nächsten Kreuzung fängt es an, nach Feuerwerk zu riechen. Es scheint, als wäre die Demo ein bisschen eskaliert und meine Emotion alleine zu sein und mich nicht wehren zu können, lässt mich nicht los. Ich fahre weiter Richtung Süden. In der Ferne sehe ich Blaulicht und höre Lautsprecherdurchsagen, doch ich biege rechts ab und stelle am Waldanfang mein Fahrrad ab und fange an durch den Wald zu laufen. Anfangs höre ich die Autos und sehe die Straßenbeleuchtung. Ein paarmal schaue ich mich um, doch alles ist ruhig. Komischerweise riecht es nach Wasserpfeife. Ob jemand vor kurzem hier eine E-Zigarette geraucht hat? Ich laufe mit meiner Angst weiter durch die Dunkelheit Richtung Süden und komme an einer Stelle raus, die ich schon kenne. Hier schaut es nicht sicher aus, doch niemand ist um mich herum. In der Ferne höre ich nun die Polizei, die die Demonstranten dazu auffordert, mit irgendetwas aufzuhören, sonst würde sie eingreifen. Dann biege ich von dem mir bekannten Weg ab, über eine Brücke ins Unbekannte. Komischerweise fängt es an, einfacher zu werden. Je weiter ich in den Wald gehe, desto sicherer fühle ich mich. Meine Angst ist ein ständiger Begleiter, doch irgendwie bezweifle ich, dass sich heute noch jemand hierher verirrt. Die Durchsagen werden leiser und ich laufe immer tiefer in unbekanntes Gebiet. Dann liegt ein riesiger Baum neben mir, auf den jemand „SMASH!“ gesprayed hat. Ich zucke zusammen ob der ‚bösen’ Energie, die dazu benutzt wurde und merke sehr deutlich, wie sensibel ich bin. Ich biege links ab und gehe immer weiter den Weg entlang. Autos höre ich mittlerweile keine mehr und auch keine Polizei, nur das leise regelmäßige Flappern des Helikopters ist mein ständiger Begleiter - wirklich ruhig wird es in einem Stadtwald wohl nie. Nach ca. 15 Minuten Fußmarsch komme ich in einen Bereich, der aussieht als sollte ich hier bleiben - ich laufe noch ein Stück und biege dann links vom Weg ins Nichts ab, mache die Taschenlampe aus und dann doch nochmal an um noch ein bisschen weiter weg vom Weg zu gehen. Dann los.

 

Taschenlampe aus. Die Angst fährt sofort hoch. Ich höre das Brummen des Helikopters in der Ferne. Um mich herum ist alles still. Mein Kopf ist leer. Nur Angst. Der ganze Körper ist in Bereitschaftsposition. Ich schaue mich um und erschrecke an einem Ast neben mir; doch mein Körper bleibt still und in Alarmbereitschaft stehen. Wenn irgendetwas auf mich zukäme, würde ich es ja hören. Alles ist deutlich intensiver als vorhin, als ich mit Taschenlampe gelaufen bin. Ich höre ein Geräusch, das wie zwei Steine, die auf einander fallen, klingt und zucke. Ein Blatt löst sich und fällt in der Nähe auf den Boden. Wieder schnellt meine Angst nach oben. Es scheint, als würden die Formen um mich rum auf mich zu kommen, auch wenn ich sie nicht sehen kann. Wieder erschrecke ich mich am selben Ast wie vorhin. Ja, die Formen kommen tatsächlich auf mich zu. Ich fange an zu halluzinieren, lasse die Angst durch meinen Körper fließen. Mein Kopf ist so leer wie schon lange nicht mehr. Ich spüre die Angst, Angst davor, dass etwas aus der Dunkelheit kommt und mich angreift und ich mich nicht verteidigen kann. Im selben Moment ist mir wohl, weil ich in dem Wald verschwinde und nicht sichtbar bin. Ich weiß nicht, wie lange ich schon rumstehe, ohne ein Geräusch zu machen. Ich schaue ständig nach links und rechts, komischerweise jedoch nie hinter mich. Ich fühle mich von rechts und schräg links viel mehr bedroht. Ich lerne, dass Blätter 2 Töne von sich geben, wenn sie zu Boden fallen. Ein Geräusch beim Loslösen und eines beim Aufkommen auf dem Boden. Meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit - dadurch kommt es mir jedoch immer mehr so vor, als würden Formen auf mich zu kommen. Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, möchte das Experiment nicht zu früh beenden. Irgendwie ist es aushaltbar, voller Angst im Wald zu stehen. Ich kann mich nicht an die Angst gewöhnen und lerne dennoch, mit meiner Situation umzugehen. Immerhin übernachte ich nicht draußen. Bei jedem mir fremden Geräusch zucke ich innerlich zusammen. „Mir wird nichts passieren.“ geht mir durch den Kopf.

Nach ca. 8 Minuten mache ich die Taschenlampe an. Ich hatte mir keinen Wecker gestellt. Die Umgebung kommt mir völlig fremd vor. Wo ich gerade noch Dinge auf mich zu fliegen halluziniert habe, ist nichts. Der Ast schräg links auf Augenhöhe, welcher in meinem Blickfeld war und mir totale Angst gemacht hat, existiert gar nicht und rechts sind einfach nur ein paar dünne Bäume. Ich erkenne mein Umfeld nicht wieder. Ich suche nach dem Weg und habe eine erneute Angstspitze, weil ich ihn nicht sofort finde. Auf dem Rückweg bin ich ängstlicher als auf dem Hinweg - schaue mich deutlich öfter um, obwohl mir der Weg nun bekannter ist. Wieder komme ich an dem SMASH!-Baum vorbei, doch diesmal jagt er mir keine Angst ein. Anders als das Brückengeländer, welches in der Ferne leicht schimmert, wenn ich meinen Weg beleuchte. Je weiter ich aus dem Wald herauskomme, je mehr ich in die Zivilisation zurückkehre, desto einfacher wird der Weg. Als mir ein Fahrradfahrer entgegenkommt zwinge ich mich, weiterzugehen. „Der tut dir nichts“, denke ich mir.

Als ich zurück am Fahrrad bin kann ich nicht begreifen, was gerade passiert ist. Als ob ich wirklich nachts in den Wald gehe und mich selbst beobachte. Ich steige auf das Rad und fahre los. Diesmal begegnen mir schwarz gekleidete Menschen, die Richtung Norden laufen. Es scheint, als wäre die Demo aufgelöst. Ich bin wie in einem anderen Raum, verstehe nicht, was gerade passiert ist und dass ich das wirklich gemacht habe. Ohne Gedanken trete ich stupide in die Pedale, ab nach Hause.

 

Zuhause setze ich mich direkt hin und schreibe, was in den 3 Minuten, und dann, was danach passiert ist. Ich bekomme immer noch nicht zusammen, was gerade passiert ist. Irgendwie hat sich etwas verändert in mir und ich kann mir noch keinen Reim drauf machen. Mein Gedankenkarussell hat sich jedenfalls verändert und es fühlt sich so an, als wäre ich wachsamer, schreckhafter. Beim Lüften höre ich merkwürdige Geräusche und zucke sofort zusammen. Zeit, zu schreiben, was davor passiert ist. Doch auch als ich mir meinen Text nochmal durchlese verstehe ich nicht, was sich verändert hat. Ich spüre nur, dass ich nicht mehr derselbe Mensch bin wie vorher. Ich habe mich verändert, kann die Veränderung gleichzeitig nicht greifen, nicht beschreiben. Es kommt mir jetzt genauso surreal vor wie vor 2 Stunden, als ich mich innerlich dazu verpflichtet habe. Ich verstehe nicht, was in den letzten 2 Stunden passiert ist.

Tom schrepel / Freiberg

when time stands still

 

when i go to bed

when i try to sleep

the old world is replaced

and the monsters are released

 

there is a thing

that makes the nightmares start

every time i try to sleep

 

i call it little demon

it comes around

and whispers to me:

„if you forget

something tomorrow

i´ll wreck your soul

with feelings of guilt“

 

its twin is on

the other side

and whispers too:

„did you do everthing

you wanted to do?

I think it was

the wrong decision“

 

when the light is off

i start to ask:

„who is next?“

 

then somehow

the shadows rise

and become shapes

of people I loved

and i remember:

love is not easy -

neither is being happy

 

when the clock stops ticking

when the wind stops blowing

it starts to get cold

and I feel vulnerable

 

every night after

heartache and pain

the salvation comes

and fights the devil’s brood

relief spreads through me

i feel safe

and fall asleep

 

now the monsters are beaten

now the shadows are gone -

but the journey of fear

will never end

Kathrin Düser / Sinzing

Vergiss ALLES

 

Vergiss, wer dir Leid zugefügt hat.

Vergiss den Schmerz,

die Wut, die Ohnmacht,

ihre Gesichter,

deine Scham, als du dich nicht gewehrt hast.

 

Vergiss, was du gelernt hast.

Vergiss die Sicherheit,

die falsche,

die Leute, die sie verkauft haben,

die Unglaublichkeit ihrer Zumutung,

die Ordnung, die du so liebst.

 

Vergiss, wen du getötet hast.

Vergiss die Schläge,

die einprasseln,

wenn du die Keule an dich reißt,

und die Freude,

die dich beflügelt.

 

Vergiss deine Mutter.

Vergiss, dass sie da war für dich,

und dass jetzt du da bist,

für sie,

für alle,

für die Väter.

 

Vergiss, dass du gesteinigt wurdest.

Vergiss dein Krepieren,

deine weißen Fingerknöchel,

dein Festkrallen am Immer-Wieder.

 

Vergiss, dass du eingebunden bist.

Vergiss das Netz.

Du kannst es nicht greifen.

Schlüpf durch die Löcher.

 

Vergiss die Liebe.

Nicht Inhalt, nicht Nährstoff.

 

Aufblitzendes Meeresschimmern,

eine Lärche im Maiwind,

überraschtes Luftholen.

 

Vergiss die Sprache.

Jule hutzler / ravensburg

Requiem for my depression

Yesterday, I gave permission to my cells to be alive whenever they want to for no reason whatsoever.

I have spent a lot of time – the majority of my life, really – in a state of depression. In this state, I don’t want to do anything, I only want to consume, books or series or other Gremlin food, and do anything to distract me from what I’m feeling, I want to spend my days with my head stuck under my blankets, I want to wait until I feel better again, I want to run away from whatever it is that’s hunting me.

I don’t feel good in my depression, but I am so afraid of what could or would happen when I stop running away and hiding from what is hunting me that I prefer the safe, the (not really) comfortable, the well-known, the usual, the normal, the numb state of depression. I am so afraid of what I would feel if I stopped running.

When I’m in that state, I can already sense the edge, the shadow of the fear and rage I’m running away from. A fear and a rage so big, so enormous, so gigantic, so massive that I cannot bear them. A fear and a rage so earth-shattering and all-consuming that I’m afraid they might kill me. A fear and a rage that are scary, uncomfortable, unknown, unusual, not normal and, more than anything else, alive.

I already know that running away from those emotions will not make them go away. I already know that the only way to stop feeling depressed is to go through the emotions. I already know that until I do that my life is mostly wasted time, because I simply wait the seconds, minutes, hours, days away until whatever the emotions are about is long gone or the pressure gets so big that I crack under it.

At some point, when the pressure gets too big, when the dam holding them at bay cracks, there’s a moment, when suddenly, the fear and the rage break out and surge into my body, a colossal force of emotion. All along, the decision that I may never allow my fear to have a voice and that I may never allow my anger to have a voice is firmly anchored in myself. Therefore, when I get flooded by those silent emotions, I hold them in, hold them in, hold them IN until it gets so MUCH and something has to GIVE because I can’t BEAR it and I SCREAM, but always, always silently. And I RAGE, but always, always against myself. And the fear and the anger break out of me, they slam through me and want OUT and they need to be kept IN and OUT and IN and OUT and IN and it hurts so much and I need to hurt something but never something else so there’s only myself and I dig my fingernails into the skin of my forearms and – silence. Blessed silence, numbness, peace. And yet, there’s more, more, MORE. More fear, more anger, always together, entwined in each other. And it gets too much and I start to cry and I just don’t know what to do and it hurts and I’m scared and I don’t know.

 And sometimes, I decide to just throw it all away and decide to do without whatever led to the emotions, because even though it means I have to sacrifice something it’s still less painful than feeling.

And sometimes, I manage to slip around the emotions and stories and decisions and constructs and trick myself into just starting whatever it is that wants to be done and that causes such fear and then, like a storm that looms at the horizon, coming closer and closer, foretelling inescapable devastation and destruction only to dissipate in the nick of time into clouds which then reveal a sunny sky, all the pressure disappears and it is as if nothing ever happened. Catastrophe avoided – for today.

But sometimes, very rarely, I dive into the fear and the rage, and I break through the unbreakable rule to hold it all IN and I scream and shout and rage and LIVE and emerge on the other side sparkling and feeling and centred and alive. And for some time, I want so many things and am inspired and shoot all voices, I move and feel and change and live.

And yet, the habit of depression is strong, it’s lurking just below the surface, waiting for an opening to pull me under. I fear it and struggle against it and try to run away from it, but inevitably and gradually I start avoiding what I fear, I start listening to the voices that tell me “now really isn’t the time to express this” and “this really isn’t the place to be strange” and “that’s too loud” and “you’re too strange” and “you can always do that later and somewhere else”, I start running away from feeling and hide first in meaningless activity then in stories and books and different worlds, and even though there’s a niggling voice in the back of my head telling me that this is how it starts and I need to do something and I don’t want that and NO, I don’t listen, or maybe I listen but don’t react, because feeling, being loud, being alive is just so dangerous and to be avoided and if I go there I die!

And I hate it and I don’t want it and I fight it nail and tooth and sometimes I can hold the pure anger in my bones and the pure fear in my nerves a bit longer, but every time I slip back and I’ve had enough of that! Never do I want to fall back into depression ever again! I don’t want to be a zombie! I don’t want to waste my life! I don’t want to watch time go by waiting for something to be over! I don’t want to spend my life walking the well-trodden path and doing what’s comfortable and safe because I freeze up as soon as it’s not. I want to live and be and move! I want to plant trees and harvest fruits and vegetables and cook and negotiate intimacy and matter and be present and reduce plastic waste and be sustainable and build with earth and make music and learn languages and travel and teach what I have to teach and make a difference.

And it’s so scary. And doing and being what I already know is so much easier. So much more comfortable. It would be so much safer to give up. To disappear into the depths of depression and numbness and to stand for nothing, with my name never to be mentioned again.

I know what lies at the end of the path if I truly and finally stopped struggling. The end of having to feel and having to live is only one thing – death. That’s an option to consider, and at the same time, it isn’t at all. Giving up seems safer and easier and more comfortable and it is, but it is also not an option. I will not walk that path because I do not want to go where it leads. I don’t have it in me to give up. It’s not part of my box and not part of my being. Had it been, I would’ve surrendered to depression a long time ago.

I can’t give up and I don’t want to be stuck anymore – so what do I do? I can fight depression all I want, but fighting it and giving in to it are two sides of the same coin, they both keep me bound to depression. The only way to break free, to escape this tug of war inside myself is to do so sideways.

Escaping sideways means that I neither give in nor fight. It means going nonlinear. In this case, it means using my fear. Not yielding to the pressure, nor going against it, but rather jumping straight into my fear and following exactly what it tells me about.

I feel sad writing that, because it means I’m giving up my depression. I’m giving up what I’ve known my whole life, how I’ve lived my whole life, how I’ve survived until now. The delicate balance between depression and will to live has allowed me to survive my childhood without being killed and without killing myself. My depression has allowed me to survive and function in this culture, to go to school, to be normal, to fit in and not to overwhelm the people I depended on for survival. As a child, I don’t think my surroundings would’ve known how to handle my undepressed self.

I’m not a child anymore. I survived, now it’s time to live.

Depression, we’re over. Thank you for the time we had, thank you for helping me survive. Living, here I come. Goodness, this is scary. I’m alive!

Adriana Ortlieb / Erfurt

Toll

Das ist der Schlüssel zu meinem Innersten

Nur mit viel Mut

Klopfe ich an diese Pforte

Mit einem Knarren öffnet sich die Tür

Und da stehe ich

Starre mich an

Gebannt von der Bewegungslosigkeit

Ich brauche viel zu lange um zu sehen

Wer da vor mir steht

In tausendfacher Ausfertigung

Immer gleich

Jede ist anders

Und alle starren sie mich an

Und dann bricht der Sturm auf mich ein

Tausend Stimmen

Die alle gleich klingen

Sagen laut:

So war das nicht abgesprochen.

Und dann prasseln nur noch Sturmgedanken auf mich ein

Zu mutig, zu feige, zu kleinlaut, zu laut, zu komisch, zu normal, zu albern, zu ernst, zu groß, zu ängstlich, zu brutal, zu langweilig, zu viel, zu nachgiebig, zu sozial, zu aufdringlich, zu bunt, zu träge, zu dumm.

Und an den tausend immerwährenden Wortkaskaden gehe ich vorbei

Spiegel meines Inneren

Gehe am anderen Ende wieder hinaus

Und am Ende bleibe ich dann nur noch:

Ich.

Gefährlicher Hai / Martina-Riccarda Niklis / 2018
Gefährlicher Hai / Martina-Riccarda Niklis / 2018

Yorgos Athanasiadis / Portugal

My work is planting seeds,

live long seeds, like the trees

like the bees, they are flying trees

That go far and beyond

Let them cry,

Why not?

All is part, all is all

we are one, we are all

All there is, here and now

and beyond, always on

Come with me, in this world

lets connect, let it flow

What we are, what there is

all comes now, all it is

Just surrender, to the call

let it shine, all along

It´s my cry, it´s my hope

and it goes on and on

It´s so tender, like a veil

what is holding all the game

Go beyond this illusion

go beyond what is wrong

we are stars, we are home

There´s no why, there´s no mind

only trust and just go

Make the step, and the next

and the next and the next

We´re around all along

we are one, we are whole

We´re a team, we´re a tribe

we´re a village, we´re a hive

And the tree of creation

goes expands and includes

There´s a spark, like a flame

that´s creating it all

All is said, but not done

Now it´s time, for us to start

Let´s connect, let us tune

We´re together

Christian Peter Niklis / Anzing

Der Alchemist ist eigentlich nicht meine Idee, sie kommt von meinem Freund und Lehrer Oliver Eduard Muhler.

Oliver und ich haben uns letzten Freitag über meine Website www.papa-bleiben.de unterhalten. Ich erzählte ihm von meiner Veröffentlichung im Familienhandbuch des ifp sowie von der Leserin, die meinen Rat haben wollte. Er fragte mich, ob ich eigentlich sehen könne, dass ich ein richtiger Alchemist bin - also einer, der aus Blei Gold machen kann. Zuerst hab ich etwas verwundert geschaut, aber dann merkte ich, dass das garnicht so falsch ist. Ich schaffe es anscheinend, die schwierigen Themen in meinem Leben (also das Blei) zu verwandeln und etwas Gutes (Gold) daraus zu machen.

Oliver meinte: Du hast ein Buch über Deine Scheidung und ein Buch über den Umzug Deiner Familie geschrieben. Schreib doch auch mal über Deine Fähigkeit, aus Blei Gold zu machen.

Spontan kam mir der Gedanke, ein Gedicht zu schreiben. Es geht in diesem Gedicht nicht um Blei und Gold, aber es geht um Wandlung. Diese Wandlung passiert in mir und hat mit dem Äußeren nicht viel zu tun. Der ungebetene Gast (Umzug der Familie nach Hamburg), der sich stinkend in meinem Leben breit macht, wird allmählich zum Mitbewohner, der beim Kochen hilft (Website gestalten, Betroffenen meine Hilfe anbieten).

Ich habe anscheinend die Fähigkeit, solche Verwandlungen zuzulassen oder auch anzuregen. Mir war das nie bewusst, aber durch das Gespräch mit Oliver hat sich mein Blick dafür geöffnet. Hätte ich diese Fähigkeit nicht, wäre ich vermutlich schon am Leben verzweifelt.

Der Alchemist beschreibt den Prozess vom Nicht-Haben-Wollen bis zum Ins-Leben-Integrieren. Es geht aber nicht um Resignation und Kapitulation (denn dabei würde das Blei Blei bleiben), sondern darum, die freundlichen Augen zu entdecken. Es geht darum, das Gute in den Dingen oder Vorgängen zu sehen oder auch dem Guten ein wenig auf die Sprünge zu helfen (Kaffee, Waschmaschine).

Der Alchemist

 

Wir sitzen uns gegenüber, schweigend, fast feindselig,

sehen uns nicht an, und wenn doch, nur kurz,

schauen schnell wieder weg.

 

Ich will Dich nicht, wollte Dich nie, hätte gern Nein gesagt,

aber Du hast Dich nicht darum geschert,

warst ganz plötzlich bei mir.

 

Du gehst nicht mehr, nicht freiwillig, machst Dich breit und breiter,

und fragst nicht einmal, ob Du bleiben darfst,

ob Du willkommen bist.

 

Dein Mantel ist dreckig, der Gestank raubt mir den Atem,

ich könnt´ heulen, schreien, um mich schlagen,

aber Du sitzt nur da.

 

In dem Gesicht, in das ich eben noch schlagen wollte,

entdecke ich zwei freundliche Augen,

ach, zum Teufel damit!

 

Gerade noch wollt´ ich Dich rauswerfen, mit Sack und Pack,

aber vorher brauch´ ich einen Kaffee,

willst Du auch ´ne Tasse?

 

Schlürfen verbindet uns nun, aber bild´ Dir nichts drauf ein,

nach dem Kaffee gehst Du, keine Frage,

ich meine es todernst.

 

Wir sitzen uns gegenüber, ruhig, und spüren beide,

dass dieser Kaffee nicht das Ende ist,

sondern erst der Anfang.

 

Beim Genuss des Kaffees und Rattern der Waschmaschine

lauschen wir still dem Gluckern des Wassers

und geben uns die Hand.

 

Ich hab fast vergessen, wie es war, bevor Du brutal

meine Wohnungstür eingetreten hast -

komm, hilf mir beim Kochen!

Stephan Brunker / Neuerburg

Grand Palais / Paris
Grand Palais / Paris
Halterung für Fräsmotor – Dreh- und Frästeil Aluminium – 2020
Halterung für Fräsmotor – Dreh- und Frästeil Aluminium – 2020

Danru J. Machandel / Ravensburg

Ein Haiku ist ein kurzes Gedicht, meistens in drei Zeilen. Man versucht, eine Beobachtung so knapp wie möglich auszudrücken. Es geht ums Hier und Jetzt, um Dinge, die im „Außen“ geschehen sind.

Haikus tragen keinen Titel und müssen sich nicht reimen. Heutzutage wurde die Regel, ein Haiku müsse 17 Silben haben, aufgeweicht.

Sehrwohl aber gilt diese Regel für den skorbutköpfigen Weltenwandler Danru Joanna Machandel, der weiß, sein jedes Leben ist schön, seine jeden Zellen pulsieren von Leben und Dankbarkeit, sein jeder Atemzug nimmt die Fülle und den Reichtum des Lebens auf, seine jede Freude erlebt er, wenn der Reichtum des Raumes ihn beschenkt! ...so die Worte des Dichters.

Sophia-Magdalena Hofmann / Leipzig

About pirates and other creatures

I was twelve years old when I first realised my calling was to be a pirate. That's a really confusing realisation — at least it was in my case. I was a blonde girl with blue eyes and always happy — girls like me were not supposed to become pirates. My family made it quite clear to me that a modern pirate in modern culture is one of the worst things I could possibly become. They told me how bad pirates were, how brutal. They asked me if I really wanted to be one of these creatures. Of course, my answer had to be "no" — the little good girl inside me surrendered. At least that was what I was pretending in order to fit into my place in my family’s world. Inside, I knew that the meaning of being a pirate was so much bigger than my family could understand. So even though I started to believe them — that being a pirate is something bad — I kept escaping into the world of Captain Jack Sparrow and tried to figure out how I could create a "good" pirate’s life. My crush on Jack Sparrow was enormous. When I think of my childhood, I realise that Captain Jack Sparrow wasn't the first character who tried to tell me something. Even before that, I felt connected to Astrid Lindgren’s character Pippi Longstocking. Pippi is the Queen of her own world (and a pirate). I wanted to follow her lifestyle. At least until my mother intervened. One of those typical situations: I told my mother that I want to live like Pippi Longstocking. She asked me if I understood that being like Pippi Longstocking would mean that I wished my mother to be dead. That's only logical, since in the story Pippi’s mother had passed away. I still remember how bad I felt, I never meant to harm or hurt my mother! So I shot this dream down. On the other hand, a part of me was certain that there had to be a way of living like Pippi Longstocking without having to hurt my mother or appearing to my family as too different. Even though I tried to not be a pirate it didn't work out as well as I wished. I always got in trouble with the systems of modern culture. I fought against my schoolteachers and against all the things that had to be a certain way, that I had to do because “that’s how things are”. I knew that there was something horribly wrong with all these concepts. Sometimes I was just about ready to give up. On those occasions it was my mother who told me: swimming upstream might be harder than going with the flow but if you keep doing it you will be able to truly be yourself. Those words had a huge impact on me. They gave me confidence. Probably more than my mother thought. I felt like nobody around me was really interested in the things I wanted, the things I loved or what I had to share with the world. What is more, I didn't really understand the world. I felt so lonely, and I was seriously concerned about my mental health. I could do and see things other people couldn't. Whenever I tried to ask someone about those things, I was told to forget about the fairy tales and focus on reality. There was so much confusion in my daily life. I didn't understand why I had to do so many things I didn’t want to do. Or why such a large number of people around me just kept doing all the things they didn’t really want to do. What mattered was my education and how it could ensure my future would be safe. A plan of a linear life with a good job and hopefully almost no risks. Most of us live in this game.

When I realised that the reasons I felt so “wrong” all my life were all those expectations from others and my efforts to fit in with modern culture and that changing school university would not make a difference I got really sad. I cried for a few days, and after that sadness came joy about every new possibility. I don't have to play a game I don't want to play. Life doesn't have to be the way my parents and grandparents showed me. The possibility of living as a pirate and a witch and a lover and so much more in just one life exists. Free of all the expectations other people and I put on myself. Free of all the self-condemnation. I guess there are a hundred ways to exit this game. I personally found that I need to trust myself and accept that there is nobody who will live my life and make my choices for me. So here I am. Step by step I am waking up. And the most beautiful change is that I am not lonely anymore. There are witches and pirates around me, and they are all trying to figure out their ways. I have always been quite well-connected to myself and when I started to actually listen to this very deep and lovely part of myself, I started to grow and free myself. That is a wonderful first step. Listen to yourself and stop lying to yourself about the thousands of things you are supposedly “fine” with! That is where the fun part begins! It is to not live other people’s life — to instead live my own honest life with all the things I want to do. Only by doing that I will be able to serve this planet well. Radical honesty with yourself is a huge step in finding your true self. It might sometimes be hard but it’s worth it! I have learned things about myself I could have hardly even imagined before. If you want to learn more about yourself and your motivations, I invite you to try the radical honesty self-experiment. It means to be absolutely honest with yourself in every situation. Enjoy!

Julian Dichtl / Vorarlberg Österreich

Die Entscheidung

VERSETZE DICH KÜNSTLICH

IN DIE NICHT MEHR EINZUHOLENDE GEGENWART

IN DIE VON GEDANKEN UND HYPOTHESEN

VOLLGESTOPFTEN GEHIRNWINDUNGEN

DER SCHMERZ IST SINNLICH

GLÜCK IST RELATIVIERT IN PURPUR FARBENEN

VON PLÜSCH DURCHZOGENEN ENTSCHEIDUNGEN

JA, ICH WILL

ODER DANKE NEIN

Es

ES BEWEGT SICH

DEM ZIEL ENTGEGEN

DIE STRAHLEN DER SONNE WÄRMEN

DAS EIS SCHMILZT

WIRD EINS MIT DEM MEER

NUR EIN LUFTZUG

INTENSIV UND FEUCHT

STREIFT DEN POL

ERINNERT AN DIE LIEBE

Es 2

WÄRMENDE STRAHLEN DER SONNE

VERSCHLUNGEN VOM EISMEER

EIN DEN POL STREIFENDER LUFTZUG

ERINNERT AN DIE LIEBE

Christian Peter Niklis / Anzing

FASSUNGSLOS

Der Käfer auf dem Boden
dort unten
umrahmt von nackten Füßen
kommt mir gerade recht.

Mein Blick folgt ihm schon lange
tief traurig
wie er sehr zügig krabbelnd
den weiten Weg fortsetzt.

Ich möcht ihn so gern ärgern
gemein sein
und stell den linken Nacktfuß
genau auf seinen Pfad.

Der Käfer bleibt nicht stehen
kein Zaudern
biegt ab und schlägt ´nen Haken
läuft weiter wie gehabt.

Mein Atem fließt nun langsam
sehr ruhig jetzt
ich stehe auf und trockne
die Tränen von der Haut.

Hans Niklis / Darmstadt

"Stille Wasser gründen tief" - diese Aussage begleitet mich, seit ich mich erinnere. Ich wollte mich gerne mitteilen, konnte aber nicht. Nichts von dem in mir fand den Weg nach draußen. Dass die Wirkung dieses Zustandes nicht immer gut war, ist klar. Vor ca. 8 Jahren kam ich durch Zufall darauf, dass ich für mich Wichtiges durch meine Arbeiten ausdrücken kann.

Mein Inneres nach außen...es geht.

Alles was hier zu sehen ist, ist aus Moltofill und war nie dafür bestimmt, sich zu zeigen. Jetzt ist es doch zu sehen.

Die Plastiken zeigen die Hochs und Tiefs eines langen Lebens. Ich hatte immer Angst davor, mich lächerlich zu machen.

Mir hat es sehr geholfen, mich auf diese Weise auszudrücken. Es hilft mir noch immer und das ist sehr gut so.

Es tut auch nicht weh, mich hier zu zeigen. Das überrascht mich am meisten.

Tara Sophie Kaletsch / Berlin

Ich habe Phasen wie der Mond.

Manchmal, da ist nur ein Lichtstreifen von

mir übrig und die Schatten machen den Rest

unsichtbar. Dann bin ich meistens allein zu Haus.

 

Manchmal, da bin ich zwischen den Dingen.

Da fühl ich mich halb voll, halb leer. Nicht

ganz richtig, nicht ganz falsch. Gerade mittig,

durchschnittlich, gut und schlecht.

 

Manchmal, da fühl ich mich rund. Im Licht.

Angestrahlt und hell leuchtend, da fühl ich mich

gigantisch groß. Da sind keine Schatten, da

bin nur ich. Nur ich und die Welt und die Nacht

gehört mir.

 

Und manchmal, da verschwinde ich. Alles

Schatten. Licht nur eine Erinnerung an bessere

Tage. Da vergisst mich die Welt. Da herrscht

Dunkelheit in meiner Nacht.

 

Diese Nacht wird unendlich lang.

Doch die nächste kommt bestimmt. Nicht

verzweifeln, die Welt bleibt nicht stehen.

 

Neuer Mond.

Da ist ein Silberstreifen an meinem Himmel.

Und ich habe Phasen wie der Mond.

Ich bin das Ganze und das Dazwischen.

Ich bin das Halbe und das Nichts.

Ich bin Licht und Dunkelheit.

Ich hab Phasen wie der Mond.

Katy T. / Ravensburg


Das folgende Gedicht haben Katy und ich über den Zeitraum von 4 Wochen und räumliche Distanz zusammen geschrieben.

 

HERBSTMEER

 

Hier bleibe ich,

lasse die starken Winde

durch mein Haar,

trinke die Sonnenuntergänge,

Muschelbänke an der Ostseite

meines Brustkorbs.

Hier bleibe ich,

Herbstmeer.

 

Mar de otoño,

¿Qué me traes?

Tus olas cantando

de tiempos felices

dulces momentos

amargo despertar.

Mar de otoño,

aquí me quedo

en tu orilla

de recordar.

 

Die Zeit

geht still

vorbei

an mir.

 

Mirando al mar

otoño adentro

Karsten Ugelvik / Norwegen


WRONG PATH

I'm on the wrong path and I know it
And I secretly want to show it
With this tear falling from my eye
On my way home from a job I don't like

 

I'm on the wrong path and I feel it
So I stuff my feelings
By eating more chocolate than anyone should
When asked how I'm doing I say "I'm good"

 

I know it is the wrong path
It's not where I want to go
I just follow it cause it's the only path I know

 

I let out my surpressed sexuality in a one night stand
When I'm drunk and unable to set boundaries with a man
And it's leaving me feeling like a whore
And I ease the pain by drinking more

 

And I know it is the wrong path
It's the only path I know
To step out of this pattern means not knowing where to go

 

I'm on the dark side and I know it
I'm on the wrong path and I own it
I'm a surviver, it's a tough life
I'm a lone wolf in this cold night

 

Many painful years have made me who I've become
And now I cry alone not to bother anyone

 

Searching for a way
To get away from this pain
Although I am afraid
This is as good as it gets for me
It's as good as it gets

I call my little sister up on the phone
To ask her how she's doing on her own
I don't call her as often as I should
I ask her how she's doing, she says "I'm good"