Gedichte

Ich schreibe seit Jahrzehnten Gedichte. Worte waren immer mein Kanal, um meine Angst, meine Traurigkeit und meine Wut auszudrücken. Die Freude hat sich andere Wege gesucht...

I’ve been writing poems for decades. Words have always been my channel to express my fear, my sadness and my anger. The joy has sought other ways…

Martina Niklis Traurigkeit Wut Gefühle Gedichte Texte Missbrauch, verstörend

Auf der suche nach

Als ich bemerkte,

dass etwas nicht stimmt,

war ich noch sehr klein.

Sehr wenig. Ein Nichts von einem Menschen.

Und das war erstaunlich...

...denn was ich wahrnahm,

war so leise wie das Atmen eines kleinen Frosches auf kaltem Stein.

War sanft wie der Flügelschlag einer Libelle.

Und still wie die Asche eines Herzens, das im Feuer verbrannt ist.

 

Als ich bemerkte,

dass etwas nicht stimmt,

wollte ich eigentlich

nicht mehr kommen. Und nicht hier sein. Hier

wo nichts stimmte,

und jeder umherirrte

auf der Suche nach.

ein haiku aus dem solarplexus

Die Löwin blickt auf.

Am Himmel die Mondsichel.

Das Wasser glänzt schwarz.

endlich unperfekt

steh ich vor dir und

Regentropfen groß wie

kleine Frösche

fallen von oben nach unten.

Und ganz unten,

wo wir sind,

ist alles

endlich unperfekt.

Regentropfen schmecken mir gut.

gegen den strich

Es hat geschlafen.

Es wurde geweckt.

Es kommt nicht mehr

zur Ruhe.

Das Tier.

Aus seinem gelben Auge

blickt es tief hinein

in mich.

Und wo normalerweise

kühle Wasser still versickern,

blaue Flammen dumpf brennen,

am Ende der Gedanken,

brennt brüllend ein Feuer,

verdampft die Stille,

zerbröseln die Wurzeln

und explodieren

alle

Antworten.

Traumstaub

Wie Kieselsteine trommeln

Traumfetzen in den Windungen

meiner Gedanken

beim Erwachen.

Die Zeit zermalmt sie zu Staub.

So sammeln sie sich

wie Sand

im Inneren verlassener Muscheln

am Strand.

Unerwartet rieseln sie heraus

beim Tagträumen

und erinnern

an nichts.

Mensch-ärgere-Dich-nicht mit Herrn Breivik

Die meisten Träume

fliegen beim Erwachen

davon wie schwarze große Vögel.

Mit verkümmertem Flügel

sitzt dieser auf meiner Schulter.

Starrt in meine Kaffeetasse.

Wir spielten Mensch-ärgere-Dich-nicht,

Herr Breivik und ich und

kurz vor dem Haus

habe ich ihn rausgeschmissen.

Da hat er gelacht,

mein Gott, hat er gelacht.

Er hat gelacht,

bis ich erwachte.

Er war grün

und ich

rot.

Hardly

I

touch

myself

as if

I

was

a

wild

animal.

Slowly.

Gently.

Carefully.

Hardly at all.

Übrigens!

Falls es Sie interessiert.

Meine Gedichte kommen aus

einem flüssigen Kern

der heiß und sprudelnd

in einem tiefen Bereich

direkt hinter meinem Brustbein liegt.

Es ist nur manchmal

schwierig sie zu greifen,

weil sie umher zappeln

wie kleine schreiende Fische.

Ein bisschen Geduld braucht man schon.

Und eine ruhige Hand.

holding 4

Mit nichts zu vergleichen

Die Haut einer Mutter

An der Außenseite des Oberarms

Kühl wie eine Muschelschale

Am morgendlichen Meer

Vor Sonnenaufgang

In diesen absichtslosen Armen

Blättern die Schichten ab

Und vor mir liege

In der warmen Handfläche

Ich als Pulsierendes

Ich als Neues

Ich als Frisches

Ich als Anfang

Ich

 

Comparable with nothing

The skin of a mother

On the outside of the upper arm

Cool like a clam shell

At the morning sea

Before sunrise

In these arms without a purpose

The layers flake off

And before me

In the warm palm

I lie

As a pulsating

As a new

As a fresh

As a beginning

I

 

glück gehabt

Da sah ich dein Lächeln.

Es floss über meinen Kopf

wie Wasser

und sickerte dick und warm

direkt hinein in

mein schlagendes blutiges Herz.

Ich blieb ganz still

und rührte keinen Finger.

Und atmete kaum,

damit alles durchdrungen wurde

von dem, was man wahrscheinlich

landläufig

Glück nennt.

Glück

Blaues Feuer

Asche der Knochen

Vom Wind davon getragen

In den breiten Fluss

 

Im blauen Feuer

Auf getrockneten Zweigen

Verglüht Traurigkeit

 

Mit hellgrünem Kleid

Genäht von kleinen Elfen

Verlass ich dies Grab

Drachenflug

Am Kamm entlang aufwärts treiben wir.

Mit seitlich gestreckten Flügeln.

Der Wind im Rücken. Der Wind.

 

Am Boden die Körper beachten wir nicht.

Wir starren auf Wolken dort oben.

Voll Tränen die Augen. Voll Tränen.

 

Die Felsen der Höhen lecken an uns.

Die Schnur zieht von oben nach unten.

Das Blut an den Zähnen. Das Blut.

 

Am Gipfel vorbei reißt uns der Sturm.

Und zieht uns der Sonne entgegen.

Dem Feuer der Freiheit. Dem Feuer.

 

Die Schnüre zerreißen und fallen wie Regen.

Und unter uns bersten die Steine.

Kein Weg mehr zurück. Kein Weg.

Schlägerei mit einem zwerg

Fliegen ist eine Kunst.

Wenn man nicht sehr achtsam ist,

fliegt man gegen Laternen oder Zwerge,

die zwischen den Bäumen

einen Rat abhalten.

 

Neulich packte mich

so ein Winzling

mit hochrotem Kopf

am Kragen

und schüttelte mich,

bis die Diamanten in meiner Hosentasche

leise klimperten.

Das blaue Auge hat er aber

heute noch.

In den letzten Zügen

Dieses Gedichte wurde auch veröffentlicht beim Poetischen Stacheltier https://www.das-poetische-stacheltier.de/stachel-76.php

 

Der alte König

schleppt sich schwerverwundet

hinter den brüchigen Turm.

Ein Bauer reicht ihm trübes Wasser.

Von Ferne hört man

Säbelrasseln

und Stöhnen als ein

Ritter fällt.

 

Wie kann es sein,

dass eine Queen, wie sie es ist,

die echte Königin

im weißen Kleid und stolz,

genommen wird

von dem zu Pferde,

der plump daher geritten kommt

und sich danach

das königliche Blut

vom Wams wischt,

hinten auf g2?

See ohne Grund

Das Wasser ist hellblau und klar.

Es ist weich, es ist warm.

Und darin schwimmen sehr lautlose Wesen. 

Fischen gleich. Grau und glatt.

Ihre Bewegungen gleichen Steinen, die durch goldenen,

zähen Honig nach unten.

Sacken.

Im See ohne Grund.

 

Der Uhu im Boot neben dem Lehrer heißt Edda.

Ihre Augen schließen sich nie.

Sie schaut still, klug, frei.

Genau in die Mitte hinein von mir.

Ich bleibe lieber im Wasser und beobachte die Kleinigkeiten.

Die Feinheiten.

Wie das Aufsteigen der Luftblasen.

Aus dem See.

Ohne Grund.

 

 

 

Dickes frisches Harz

 

 

Weint klar deinen Stamm hinab

 

 

Der Sturm heult Terzen

Durchs Hintertürchen

Diese Welt klebt an mir.

Wie ein Tumor, den man nicht loswird.

Wie die Klette

im Genick eines Hundes

ist sie verstrickt mit mir.

Die verdammte Welt.

Die alte dumme Welt.

Mit mir.

 

Da hilft nur eins:

Zwischen zwei Baumwurzeln hinein in sie

und ganz tief ins Innere kriechen

um mich dann am Hintereingang

heimlich

wenn keiner schaut

aus dem Staub zu machen

hinaus in die Weite

des Alls.

Ascheregen

Dieses Gedicht wurde auch veröffentlicht bei Lyrikmond www.lyrikmond.de/gedichte-thema-5-107.php#2517

 

Immer wieder noch

Erbreche ich

Meine Liebe zu dir

Würge ich

Alte Versprechungen hervor

Immer neue Schwüre

Spucke ich aus

Schleimige Liebkosungen

Aus alten Zeiten

So viele zärtliche Berührungen

Blättern ab von meiner Haut

 

Immer wieder noch

Unendliche Berge

Aus Bildern von dir

Brennen auf meinen

Hohen Feuern

Um die ich laufe

Mit rußigem Gesicht

Mit brennenden Augen

Mit schlagendem Herzen

Im Regen der Asche

Bis alles verglüht

Verbrannt

Und fort

Ist

Voyeur

Ich stoße mich selbst

mit einem brutalen Ruck

von hinten

hinunter in die Tiefe.

Weg.

Weg von Nähe, Wärme, Lachen und

weg von Zärtlichkeit.

Ich stoße mich selbst

von hinten in die Tiefe.

Von vorne

klatschen mir

eigene Tränen

ins Gesicht.

James Bond

Popcorn

Popcorn

Popcorn

Popcorn

Popcorn

Popcorn

Und Cola

Almabtrieb

Von der kargen Wiese ganz oben

wo kein Baum mehr wächst

treiben wir die Kühe hinab über die Felsen

durch das kleine Dorf am See im Regen.

Die dunklen Glocken hört man

in der ganzen Gegend laut.

In den blühenden warmen Weiden

traben sie und fressen hier und dort

ein paar Blumen.

Wir treiben sie weiter

hinunter durch die beiden Flüsse

die sich kreuzen

und streifen am Rande

die große schwarze Stadt.

Am Deich verharren sie kurz

und trotten dann gleichgültig

weiter durch den nassen Sand

in das immer tiefer werdende

Wasser voller Salz.

Muschelschalen splittern unter den Hufen.

Ihre Fellbäuche triefen schon

und die Glockenklänge verstummen.

Ganz unten bei den Korallenbänken

lassen wir sie

bis zum März.

Details

Und jetzt lasse ich dich im Regen stehen.

Der läuft durch dein Haar und strömt über dein Gesicht.

Weinst du?

Ich weiß es nicht

und egal

ist es mir auch.

Nur eins noch:

Schön sieht es aus,

wie sich das frische Blut

im Rinnstein mit dem

Wolkenbruch vermischt.

Hübsche

kleine

hellrote

Strudel.

Denke ich

und

gehe.

Verbrannt

Seite für Seite

Wort für Wort

Buchstabe für Buchstabe

Gedanke für Gedanke

Versprechen für Versprechen

Kuss für Kuss

Augenblick für Augenblick

Lied für Lied

Tanz für Tanz

Tropfen für Tropfen

Träne für Träne

Zärtlichkeit für Zärtlichkeit

Schwur für Schwur

Leben für Leben

Zwischen Tönen

Ich habe geträumt.

Ich habe deine Haut gesehen und

auf deiner Stirn standen Schweißperlen.

Wie kleine funkelnde Edelsteine,

Bergkristallen gleich.

Deshalb blieb ich lange

und erwachte reich.

 

Ich habe geträumt.

Deine Haut hat Wärme abgestrahlt.

Wie eine kleine Sonne.

In meinem Gesicht spürte ich die.

Deshalb blieb ich lange

und erwachte satt.

 

Ich habe geträumt.

Wir hörten Töne, über die man nicht

reden konnte.

Dazwischen Stille.

Die war das eigentlich Schöne.

Deshalb blieb ich lange

und erwachte stumm.

FOG

Over the night

autumn has placed

a wall onto the field.

Long and white and several meters high.

That morning, the one or the other

would return with a bloody nose

from their morning walks,

and many a feather could be found

there as well.

That is why today

I choose the underground path.

I mean, I'm not stupid.


(for T.-S. B.)

rot

Alle Grenzen eingefallen,

alle Mauern zu Staub.

Sanft lasse ich

mein Herz

ins

aufgestellte

Schwert

fallen.

Blut zu Blut

Phantasma

Du fällst

und stürzt schreiend in meine offene Wunde.

Du legst

deinen Finger auf meinen Mund.

Du fragst

was ich dir geben kann.

Du gibst

auf

und gehst.

(für A. )

Unten in Gaia

"Anything I look for, I do not find.

Anything I find, I was not looking for."

sagte die weiße, durchsichtige Frau

mit den sehr dünnen, langen Haaren zu mir,

während sie in der Küche herumfuhr und putzte.

Ihr Mann, dick und dunkel, schwieg.

Ich saß neben ihm,

roch seinen erdigen Atem und hörte auf zu suchen.

Sprung Gedichte Martina-Riccarda Niklis Oswords
Sprung / Filzstift auf Papier, 21x30 cm (2019) Christian Peter Niklis

Carulli

Aus der schlammigen

trüben Pfütze,

in der ich stehe,

mache ich einen beherzten Hechtsprung

und tauche kopfüber

genau dort in die Tiefe,

wo meine Füße standen.

Zwischen zwei Akkorden

gleite ich hinab ins kalte Wasser

und bewundere die stillen, bunten Wesen des Meeres.

Hier ist es schön und kristallklar

sprudelt das Wasser

in meinen Ohren.

Ich bleibe noch bis zum fine.

Alle weiteren Entscheidungen

überlasse ich

den Seesternen.

(für Thomas Kalkreuth)

Verwachsen

Ich lebe auf dem Boot.

Die Wellen

klein und viele

klopfen sanft an meinen Bug.

 

Ich schlafe in den Ästen.

Die Blätter

zart und grün

schließen mir die Wimpern.

 

Ich träume in der Wiese.

Die Blumen

bunt und duftend

schmecken gut

mit Käfern.

Wortverschwendung

Hallo wie gehts?

Ich kann nicht klagen...

...ich kann einfach nicht. Ich würde gerne. Ich würde gerne klagen. Ich würde gerne zähneklappernd und wimmernd zusammenbrechen. Ich würde gerne meine blutenden Wunden zeigen oder schreiend verenden.

...ich würde dich gerne um Hilfe bitten, dich bitten, mich in den Arm zu nehmen und mich zu halten so lange ich kann.

Ich würde gerne dein Hemd mit meinen Tränen durchweichen, bis der Stoff an deiner Haut klebt.

...ich würde dir gerne sagen, warum ich täglich, minütlich und sekündlich ertrinke in meiner eigenen Traurigkeit.

Aber ich kann einfach nicht klagen. Ich kann nicht klagen.

Na dann, nichts für ungut.

Also dann.

Bis dann.

Sag Grüße.

NOW

The past is a dusty dead branch

that we stumble over

when we run backwards.

The future rides far ahead of us

as a white horse

and is surrounded by lies.

NOW is a blink of an eye

and the only room

for us to act.

(for T.-S. B.)

Jetzt

Alle Gedanken verklungen zu einem Haufen

trockener Buchstaben auf dem

Scheiterhaufen der Vergangenheit.

Die Zukunft reitet vor uns

auf einem weißen Pferd.

Schemenhaft, umgeben von gelogenen Geschichten

und immer

genauso schnell wie wir.

Jetzt ist ein Wimpernschlag.

Schnupfen

Ich ziehe das Glück

mit einem lauten Geräusch

durch die Nase hoch

in meinen Kopf.

Zwischen den Augenbrauen

fließt es träge

um die Kurve und tröpfelt

hinunter auf mein Zwerchfell.

Kleine helle Trommelschläge

bringen dich zum Lächeln.

(für H.)

Unerhört

Diese Worte von dir

fallen langsam

wie in Zeitlupe

fallen schwer wie Blei.

Jedes einzelne Wort

geformt von dir

gewollt von dir

lange bedacht

lange geprobt.

Diese Worte prallen

auf die glasklare Eisschicht

unseres Schweigens

und jedes einzelne

zersplittert in 1000 Stücke.

Und alles fliegt langsam

im Zeitraffer

um meinen Kopf.

Kleine Eissplitter

spritzen in meine Augen

und fließen

wie heiße Tränen

über meine Wangen,

meinen Hals

und zwischen meinen Brüsten hindurch.

Was für ein grausames Hier.

Was für ein grausames Jetzt.

(für A.)

Maschinerie

Wenn du es sagst,

die Wörter aussprichst,

sie an Mauern klatschen,

und Körper aus Fleisch,

werden Fäden gezogen

und Räder drehen sich ineinander

greifend.

Besser bleibts eine Ahnung,

ein Gedanke, eine kleine Furcht

in den Eingeweiden.

Besser bleibens Buchstaben.

Besser ungesagt.

Vielleicht kommen wir dann davon.

Glimpflich.

(für A.)

Wörter

Wörter fließen heraus aus mir.

Wie Blut aus einer offenen Wunde.

An der Innenseite des rechten Oberschenkels.

Wörter fließen heraus aus mir

und sickern in dein schwarzes Haar.

Tropfen in deine braunen Augen.

Und füllen deinen Mund.

Wörter fließen heraus aus mir.

Und du tust,

was ich nicht kann.

Was ich nie konnte.

Wörter fließen heraus aus mir.

Du sprichst sie aus.

(für H.)

Ganz unten

Es ist gut

sich ganz unten

aufzuhalten.

Und mehr noch.-

Es ist gut ganz unten

zu wohnen.

Für lange Zeit.

Denn:

Es ist gut

ganz unten

das Leben zu verbringen

ohne Unterschied.

Gut. Wir sind unten.

Wir leben hier.

Hier schlafen wir

und schälen unsere Kartoffeln.

Ganz unten lieben wir

und schwitzen.

Ganz gut.

Verlangen

Menschenmengen auf berstenden Tribünen

aufgerissene Münder

staunende Augen

schwitzend erstarrt

von kalten Schauern gejagt.

Applaudierend pfeifend

jubelnd und verzweifelt

entsetzt und erschüttert

glücklich und angewidert

urteilend hassend

und grenzenlos liebend.

Widerliche Leidenschaft.

Mein Publikum.

Übelkeit und höchste Lust.

Mein Applaus. Mein Gericht.

Eine wilde laute Bühne.

Zerklüftete Felsen unter tosendem Wasser.

Dornenbäume, Schlangennester.

Lauernde Augen in der Dunkelheit.

Mein wilder Tanz.

Kraftvolle weite Bewegungen,

die alles erobern,

alles besiegen,

vor nichts halt machen.

Ein Körper der lebt,

der schreit und schweigt,

der stinkt und blutet,

der trauert und jubelt,

der umarmt und würgt.

Der alles gibt und alles nimmt.

Eine scharfe Nadelspitze.

Das Publikum zerplatzt wie eine Seifenblase.

Ein zweiter greller Stich.

Die wilde Bühne verlischt.

Stille die in den Ohren dröhnt.

Lautlose, fade, geruchslose, graue,

gelähmt schleichende

schattige Bewegungen wieder.

Heute

hatte ich

einen schönen Traum.

 

Danach

Ich stehe blutüberströmt vor dir.

Du nimmst

Baumwollläppchen,

die die Sonne angewärmt hat,

tauchst sie in Wasser,

auf dessen Oberfläche

Blütenblätter schwimmen.

Du wäschst mir

das Blut ab.

(für H.)

Jetzt


Erinnerungen sind skelettierte Jetzt.

Wenn du zurück schaust, siehst du staubige Knochen.

Wenn du nach vorne blickst, siehst du die Zukunft.

Sie reitet als weißes Pferd vor dir und ist umgeben von Lügen.

So schließe deine Augen und lausche dem Geräusch des Windes im Birnbaum.

Manchmal


Manchmal

in der Schärfe dieses kleinen Jetzt...

manchmal

in der Grausamkeit dieses knappen Jetzt...

rutsche ich durch die kleine Lücke

hinab in ein sehr heißes Feuer

und sehe zu

wie es

auf den Sehnen meiner Knochen

"Motherland" spielt.

Ein spanisches Gedicht

Am Himmel geht der Mond spazieren.

Sein Licht leckt an den Kieselsteinen.

Verloren hat der Sommer.

Kleine silberne Fische schwimmen in deinen Augen.

Und zwischen dir und mir kein Raum.

Am Himmel geht der Mond spazieren.

(für H.)

Linda Gerlinda

Gerlinde. Linda amiga,

bonito animal marrón sobre dos patas,

no dices mucho,

pero piensas mucho.

Las flores en tu jardin te envidian.

Linda Gerlinda.

(für Gerlinde P.)

Morgens

Dieser Schrei wohnt in mir.

War lange Zeit ruhig und still.

Schlummerte als samtbefelltes Tierchen,

machte leise schnarchende Geräusche,

die mich in Sicherheit wiegten.

Aber auch eine schlafende Bestie hat Reißzähne.

Heute hat sie sich im Schlaf bewegt.

Knurrte.

Hat vielleicht schlecht geträumt.

Hunger hat sie hoffentlich

nicht.

Home sweet home

Uncle Ewald was shot.

From a short distance with 2 bullets into his head. One bullet right between the eyes.

The pistol HKSFP9 is a self-loading pistol of the german weapons manufacturer Heckler & Koch in the caliber 9x19 mm and .40 S&W. The type designation SFP stands for STRIKER FIRED PISTOL. The type designation refers directly to the operating principle of the gun: It has a fully preloaded firing bin-lock.

I was at the age of 2, when I killed him.

Vulkan

Von ganz unten aus den Gründen meiner Seele

spüre ich diesen Drang

langsam aber stetig stärker werden.

Wie ein Vulkan,

außen grün bewachsen,

bewaldet sogar,

bewohnt von allen Tieren,

um den Menschen sich gesammelt haben.

Der still ist scheinbar, erloschen seit langem,

ruhig und harmlos. Erkaltet.

 

Der plötzlich an einem windstillen Tag,

herausbricht aus sich selbst,

tost und brüllt und tobt.

Explodierend rotglühende Lava

um sich schleudert,

Rauch schickt in die Atmosphären

und Wald und Tier und Mensch,

Haus, Alltag und Gleichmut,

Sorgen, Glück und Lieder

unter sich begräbt,

erstarren lässt im Schrei.

In einem Moment, in dem

kein Vogel

singt.

Schreib

Schreiben Gedichte Malen
Schreib / Bleistift & Buntstift auf Papier 21x30cm (2019) Christian Peter Niklis

Haste Zeit? Schreib!

Schreib solange du lebst.

Schreib solange du denken kannst.

Schreib noch ein Stündchen länger.

Schreib dich tot, schreib dich alt,

schreib dich geil, schreib dich glücklich.

Schreib dich in den Schlaf.

Schreib.

Und noch was:

schreib!

 

 

Verschreibungspflichtig

Ein Kind umbringen ist Mord.

Mord ist sehr schlimm.

Und wird manchmal mit dem Tod bestraft.

Dann stellt der Richter dem Mörder ein Rezept aus.

"Damit melden Sie sich bitte beim Henker. Guten Tag!"

Auf dem Rezept steht: "Tod durch Erschießen."

 

Manchmal sind Frauen schwanger.

Dann gehen sie zum Arzt.

"Das erledigen wir schon für Sie", sagt er.

"Mit diesem Rezept melden Sie sich morgen

um halb 9 bei der Stationsschwester. Guten Tag!"

Auf dem Rezept steht: "Mord im Mutterleib."

 

Und wenn ein Präsident mehr Geld braucht, nimmt er sich ein anderes Land

und sagt: "So!"

Das andere Land wird böse, dann gibt es Krieg.

Im Krieg werden viele Rezepte ausgestellt.

Auf manchen steht:

"Tod durch Erfrieren." oder

"Tod durch Kopfschuss." oder

"Tod durch Fleckfieber."

Auf manchen steht auch

"Tod aus Kummer um verlorenen Sohn."

Manche Mütter haben so ein Rezept.

Oder junge Mädchen haben eins, da steht drauf:

"Tod durch Vergewaltigung."

 

Das Rezept gibt man ab beim Gegner oder im eisigen Frost,

in einem Seuchenlazarett, auf der Vermisstenstelle

oder bei einem fremden, einsamen Soldaten.

 

Manche wollen das Rezept nicht abgeben.

Das nennt man Desertieren.

Darauf steht die Todesstrafe.